Leseprobe

 

Vorwort

Nachdem auch die zweite Auflage meiner Arbeit zum „Kulturwandel in der Oase Siwa (Ägypten)“ vergriffen ist, auf der anderen Seite die nach 1981 von mir durchgeführten weiteren Forschungsarbeiten in der Oase wichtige zusätzliche Erkenntnisse erbracht ha­ben, die bisher nur in teilweise dem interessierten Nicht-Völkerkundler schwer zugängli­chen Fachzeitschriften verstreut publiziert wurden, bot sich eine völlige Neubearbeitung des Buches unter Einbeziehung aller bisher veröffentlichten Beiträge von selbst an. Dabei wurden auch die neuesten Erkenntnisse eines Forschungsteams des Wiener Völkerkunde­museums unter Leitung von Alfred Janata einbezogen, das seit Ende der achtziger Jahres „Siwaner Dinge“ systematisch zusammentrug und in einer Computerliste erfaßte: Schmuck und Produkte des Kunsthandwerks, aber auch Objekte aus nahezu allen Berei­chen der materiellen Kultur bis hin zu Kinderschuhen, Blechteekannen und anderem Tand, der in Siwa gerade modern war. Daneben beschäftigten sich die Wiener Ethnologen auch mit Alltagsfragen der Oasengesellschaft und setzten so meine eigenen Arbeiten fast ohne Unterbrechung fort.

Alfred Janata, der auch meine Forschungsarbeiten über Siwa lange Jahre interessiert ver­folgte hat und mir 1981 erstmals Gelegenheit zur Publizierung eines Artikels in dem von ihm herausgegebenen Wiener „Archiv für Völkerkunde“ gab, erlebte den weiteren Fort­schritt bei der Bearbeitung seines Lieblingsthemas Siwa nicht mehr. Er starb völlig uner­wartet im Mai 1993. Sein Team führte die Arbeit eine Zeitlang fort mit dem Ziel, in Kürze eine Gesamtschau der materiellen Kultur der Oase vorzulegen. Diese in Vorbereitung be­findliche Siwa-Ausstellung im Wiener Völkerkundemuseum ist jedoch aus finanziellen Gründen bisher ungesichert. Es bleibt zu hoffen, daß die inzwischen weltweit wichtigste Sammlung über Siwa dennoch eines Tages der Öffentlichkeit vorgestellt werden kann. Gegenwärtig sind lediglich etwa 50 Stücke aus meiner eigenen Sammlung im Völkerkun­demuseum von Witzenhausen (Gelände des Deutschen Instituts für tropische und subtro­pische Landwirtschaft) dem interessierten Publikum zugänglich.

Ganz herzlich gedankt sei an dieser Stelle allen meinen Mitarbeitern/-innen und Informan­ten aus Siwa, Ägypten und Deutschland. Meine erste eigene Feldforschung 1979 wurde tatkräftig von einigen ägyptischen Kommilitonen der Fakultät für Agrarökonomie der #Aîn Šams-Universität unterstützt, die angesichts meiner damals spärlichen Arabischkenntnisse über den Umweg des Englischen und sogar Deutschen wesentlich zur Datensammlung beitrugen. Bei den späteren Untersuchungen konnte ich dann auf die freundliche Unter­stützung einiger Siwaner Bürger selbst zurückgreifen, die teils aus der englischen, teils aus der arabischen Sprache ins sîwî und wieder aus dieser Berbersprache zurück übersetz­ten und auf diese Weise auch den Kontakt zu jenen konservativeren Siwaner Kreisen er­möglichten, die kein Arabisch sprachen.

Informationen über die von der Männergesellschaft (d.h. nicht-verwandten Männern) hermetisch abgeschotteten Frauen der Oase erhielt ich teilweise von Marion Roth und Marlis Weißenberger, die mich 1981 nach Siwa begleiteten und im letzteren Fall ebenfalls Dokumente zur materiellen Kultur der Oase publizierten (Weißenberger 1985, Bliss/Weißenberger 1984 und Weißenberger in Bliss 1998), sowie von meinen Siwaner Freunden. Selbst jener junge Mann, der mich mehrfach wochenlang von morgens bis abends bei meinen Untersuchungen begleitete, stellte mich persönlich seiner Frau aber nicht vor, war jedoch unermüdlich dabei, meine Fragen an Frau und Mutter auszurichten und mir ihre Antworten teilweise Wort für Wort weiterzugeben. Hier war leider für den (männlichen) Ethnologen in Siwa eine nicht überbrückbare Grenze gesetzt, die nur von Forscherinnen überwunden werden kann.

Mein ganz besonderer Dank für erwiesene Hilfe in schwieriger Feldforschungssituation gilt einem großen Siwaner, hâgg Sinûsî Raga’ (Abb.1). Der heute 85-jährige kann mit Recht als der Modernisierer Siwas gelten, wobei unter Modernisierung nicht die Förde­rung der Überfremdung, sondern das Eintreten für einen Fortschritt aus eigener Kraft zu verstehen ist. Obwohl hâgg (= Mekkapilger) Sinûsî als prominentes Mitglied der Sippe der Aûlâd Mûsâ niemals die Würde eines shêkh el-beled für sich reklamiert hat, gehört er zu den einflußreichsten Persönlichkeiten in der Oase. Als junger Mann hatte der hâgg bereits die Rebellion der libyschen Stämme gegen die italienischen Kolonialherren unterstützt. Im unabhängigen ägyptischen Staat gehörte er Jahrzehnte dem Rat der Stadt Siwa und später der Gouvernoratsversammlung an, bis er sich wegen Krankheit aus eigenem Entschluß aus der Politik zurückzog.

Seine Tochter ist die erste Frau der Oase, die in den siebziger Jahren das Gymnasium be­suchen und später studieren durfte, und sie ist die einzige Siwanerin, die obschon verhei­ra­tet, weiterhin arbeiten darf. Heute ist sie Lehrerin und hat ihren Vater sogar poli­tisch beerbt, indem sie auch die erste - und leider einzige - Frau Siwas ist, die ein öffentliches Mandat innehat. Ihr Vater, hâgg Sinûsî war es auch, der 1979 trotz der verworrenen Lage im Grenzgebiet zu Libyen und den überall bestehenden Sicherheitsbedenken bereit war, den Verfasser als jungen Magisterstudenten zu empfangen. Ihm verdanke ich die ersten Informationen über die Oase und ihre Bewohner und vor allem die Kontakte zu den ande­ren Familienverbänden, wodurch mir die breite Feldforschung in der Oase erst richtig er­möglicht wurde. Hâgg Sinûsî Raga’ sei dieses Buch gewidmet.

Die Gespräche mit unseren ägyptischen Freunden sowie Bewohnern der Oase zeigten lei­der vielfach, wie sehr die Menschen des ägyptischen Kernlandes am Nil und im Nildelta neben den Oasen herleben und wie sehr auch auf Seiten der Siwaner Mißtrauen gegenüber ihren Landleuten herrscht, die von ihnen im Gegensatz zu sich selbst („Siwaner“ oder „Oasenleute“) als „Ägypter“ bezeichnet werden. Gegenüber mir, dem fremden Christen, der zunächst angesichts der immer wieder berichteten Fremdenfeindlichkeit der Siwaner mit gemischten Gefühlen in die Oase gekommen war, bestand dieses Mißtrauen erstaunli­cherweise nach den ersten vortastenden Schritten in sehr viel geringerem Umfang. Am Ende löste eine private Einladung die andere ab, und wiederholt wurde ich sogar ermutigt, in Deutschland über die Oase zu berichten. Als einzige „Gegenleistung“ wurde lediglich wiederholt die Beantwortung von Fragen auch über Deutschland erbeten von der Religion über Heiratssitten, vorherrschende Tierarten und Pflanzen bis zu den Brotpreisen.

Zufälle wie der Kontakt zu dem Oberhaupt einer den Fremden bisher wenig freundlich eingestellten religiösen Bruderschaft, die in einem Garten entstandenen guten Beziehung zu einem der wichtigsten und einflußreichsten Scheichs der Oase und seinem Sohn sowie schließlich die zufällige Begegnung mit dem Besitzer des „Siwa-Manuskriptes“ (vergl. das Einführungskapitel) trugen dazu bei, daß ich über das mir zuvor angeeignete Bü­cherwissen aus drei Jahrhunderten hinaus viele neue Dinge über die Oase erfahren konnte und auch viele Vorurteile, die manche Autoren eher von Niltalbewohnern gehört als in Siwa selbst bestätigt gefunden haben, eindeutig ins Reich der Legenden verweisen konnte (zum Beispiel die „Freizügigkeit“ der Frauen, von der neben anderen Autoren auch der ansonsten mit Siwa bestens vertraute ägyptische Archäologe und Ethnologe Ahmed Fakhry berichtet).

Übriggeblieben nach fünf Forschungsreisen in die Oase Siwa ist trotz aller Bemühungen bei mir das Bewußtsein, am Ende doch viel zu wenig über die Oase und ihre Bewohner erfahren zu haben, die Zeit immer noch nicht genug genutzt und vielleicht damit eine einmalige Chance vergeben zu haben, weitere wichtige Dinge über die Oasengesellschaft herauszubekommen. Dieses Gefühl stellt sich sicher bei vielen Ethnologen/-innen ein, die über relativ unzugängliche Gegenden der Welt arbeiten, die nicht schnell ein weiteres Mal besucht werden können, um eine brennende Frage einfach das nächste Mal zu klären.

Bei meiner letzten Reise nach Siwa 1996, 11 Jahre nach Abschluß meiner akademischen Feldforschungen in der Oase, hat sich dieses ungute Gefühl, damals etwas versäumt zu haben, bestätigt. Die teilweise Öffnung der Oase seit 1982/83 und der ab 1985 völlig freie Zugang für sämtliche Kategorien von Besuchern im Verein mit zahlreichen weiteren „Entwicklungsmaßnahmen“ haben einen kulturellen Wandel in Gang gesetzt, von dem aus gesehen das Siwa meiner ersten vier Forschungsreisen - trotz der nur wenigen Jahre, die seitdem vergangen sind - traditionell erscheint und heute bei vielen Phänomenen so nicht mehr besteht. Diese Entwicklung vom „Pittoresken“ hin zum für ägyptische Verhältnisse eher „normalen“ kann bedauert werden, sie ist jedoch offensichtlich überall auf der Welt zur Regel geworden.

 

Remagen, im Januar 1998

 


1. Kapitel                                                                                                                          

 

Einführung: Forschen in Siwa

 

Auf die Frage „Why do you want to go to Siwa?“ erhielt ein ägyptischer Oberst vor eini­gen Jahrzehnten von einem unternehmungslustigen britischen Reisenden die lapidare Antwort „Oh I don’t know. I’m told it’s quite interesting“ (Maugham 1950: 10). Ein ähn­liches Gefühl mögen viele Reisende gehabt haben, die die viel beschriebene und doch nie richtig erforschte Oase bereits im letzten Jahrhundert besucht haben. Zu jener Zeit gab es noch keine Kraftwagen oder Flugzeuge, die heutzutage für die Strecke von Marsa Matrû² nach Siwa einen halben Tag oder von Kairo zum Siwaner Airport gerade einmal eine gute Stunde benötigen. Man nahm vielmehr das Wagnis eines mehrwöchigen Kamelritts von Alexandria oder Kairo durch die Libysche Wüste auf sich, um eine kaum mehr als insge­samt 15 km² Kulturland und weniger als 6.000 Einwohner große Oase mit äußerst mise­rablem Trinkwasser (2,5 bis über 5 g Salz je Liter Wasser), Legionen von Mücken und schlechtestem Klima zu erreichen, deren Bewohner bis in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zudem noch alles andere als erfreut über den Besuch waren.

Auch mir wurde beim ersten Versuch, nach Siwa zu reisen, die Frage nach dem „Warum“ gestellt, und zwar von einem hochrangigen Vertreter des ägyptischen Grenzschutzes, dem die Kontrolle über das Gebiet an der Staatsgrenze zu Libyen unterstand. Mein Hinweis, dort mehr über die Menschen und ihre Kultur zu erfahren, wurde zunächst scheinbar ak­zeptiert. Als ich jedoch in Marsa Matrûh zurück war, bat man mich höflich, aber be­stimmt um die Herausgabe meines Fotomaterials, um - nach langen Verhandlungen - nur zwei Schwarzweißfilme zu entwickeln und zu überprüfen. Als die Motive nur Mädchen mit Schmuck, alte Häuser und sogar Grabstelen auf Friedhöfen auswiesen, blieb auf Sei­ten der Amtsvertreter nur Kopfschütteln. Auskundschaften der militärischen Anlagen in und um Siwa, das hätte man zur Not noch verstanden, oder wenigstens Bilder über die geologischen Verhältnisse, eine Art „Industriespionage“, oder besser gesagt die geheime Suche nach Hinweisen auf Erdöl oder andere Rohstoffe! Aber jemand, der sich tatsächlich für die Menschen dort interessiert und auch noch tage- und sogar wochenlang auf eine Genehmigung zur Reise nach Siwa wartete, das war doch schon mehr als seltsam.

Siwa hat eine Vielzahl von Menschen dennoch schon immer fasziniert. Angefangen beim griechischen Historiker Herodot im 5. Jahrhundert vor Christus, der den Zug des Perser­königs Cambyses beschreibt, dessen Heer kläglich in der Wüste scheiterte, über die arabi­schen Autoren des Mittelalters, die in der Oase eine fest ummauerte Stadt mit unermeßli­chen Schätzen vermuteten bis hin zu den europäischen Reisenden der Neuzeit, als deren prominenteste der Brite W. G. Browne, der Franzose Frédéric Caillaud und die beiden Deutschen Friedrich Hornemann und Gerhard Rohlfs anzuführen sind, alle berichten über einen isolierten Flecken inmitten von unbewohnbarer Wüste, der selbst in seinen Glanz­zeiten im spätpharaonischen Ägypten keine 10.000 Menschen beherbergt haben dürfte.

„Wegen ihrer Cultur, Wohlhabenheit und politischen Bedeutung konnten die Oasen der libyschen Wüste niemals eine besondere Bedeutung beanspruchen“, schreibt das Mitglie­der der Rohlfs’schen Expedition in den Jahren 1873/74, Karl Zittel, in seinen ‘Briefen aus der libyschen Wüste’ (1875: 119). Der ägyptische Archäologe Ahmed Fakhry verdeut­lichte diese Tatsache in den frühen siebziger Jahren mit einigem Zahlenmaterial: demnach machte die Gesamtbevölkerung außerhalb des Niltales und des -deltas nicht einmal ein Prozent der Einwohner Ägyptens aus. Und von ihnen lebt nur ein kleiner Bruchteil in der Oase Siwa (Fakhry 1973: 7ff).

Wenn der bei Hoskins zitierte antike Geograph Strabon eine Oase in der Nähe des Orakels des Jupiter Amun anführt (1837: 283, Strabon 1819: 416f), so wird die Bedeutungslo­sigkeit einer Oase Siwa im Verhältnis zum weltberühmten Orakel(tempel) selbst für das Altertum, in dem Siwa mehr Einwohner als zu Zeiten Fakhrys gehabt haben mag, noch offensichtlicher. Hoskins ist jedenfalls nicht zuzustimmen, wenn er dann annimmt, daß das Orakel des Gottes nicht der Grund, sondern das Resultat der Bedeutung der Oase Siwa gewesen sei (S.275).

Wahrscheinlich waren es vor allem die Abgeschiedenheit und die Gefahren des Karawa­nenwe­ges nach Siwa, die dem Tempel und damit der Oase den fast mythischen Nimbus gaben. Sicher hat die Bedeutung des Orakeltempels des Jupiter Ammon zum Bild der Oase bei­getragen, warum aber wurde der Sonnengott gerade hier in dieser Oase weit weg vom Niltal verehrt? Dieser Frage wurde bisher kaum nachgegangen. Für die europäischen Rei­senden seit Friedrich Hornemann waren auf jeden Fall die antiken Überreste im Ge­biet der Siwa-Oase von herausragender Bedeutung, neben oder besser „hinter“ denen die Bewoh­ner der Oase offensichtlich häufig nur deswegen erwähnt wurden, weil sie den Reisenden die von diesen erwartete positive Aufnahme nicht entgegenbrachten und sie sogar aktiv daran hinderten, nach den antiken Überresten zu forschen (etwa von Minutoli 1824, Cail­liaud 1826 und besonders Hamilton 1856, der förmlich von den Siwaner bela­gert wurde).

Immerhin hat der Streit mit den Bewohnern auch seine positive Seiten gehabt. Reisende, die sich sonst vielleicht überhaupt nicht über die Siwaner geäußert hätten, fügten ihren Vorwürfen und Negativurteilen über die Oasenbewohner mehr oder weniger ungewollt nun eine Reihe höchst nützlicher Informationen bei, die zur Rekonstruktion der Oasenge­sellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in erheblichem Umfang beitragen.

Ich muß gestehen, daß der Mythos Siwa auch bei der Entstehung dieses Buches eine (Neben)Rolle gespielt hat. 1978 war ich auf dem Weg in das algerische Hoggar-Massiv in der zentralen Sahara auf den Spuren der Ahaggaren, der dortigen Tuareggruppe, um eine ethnologische Feldforschung vorzubereiten. Die Tuareg hatten jedoch mehrheitlich ihre Zelte und Hütten abgebrochen aus Protest gegen die nach dem Tod des alten Amenokal nicht erfolgte Anerkennung ihres neuen Oberhauptes durch die algerische Regierung. Al­les, was die Tuareg betraf, wurde im übrigen vom mukhabarât[1], der Geheimpolizei, arg­wöhnisch beobachtet, so daß eine Forschungsarbeit über dieses Thema nahezu aussichts­los erschien. Was aber tun als Student im höheren Semester, der seine Magisterarbeit nicht nur aus Büchern zusammentragen wollte?

Beim Blick auf die Landkarte, der mitbestimmt wurde durch ein prinzipielles Interesse an der islamischen Welt, die beschränkten Geldmittel, die einen Flug mit mehrmonatiger Automiete im Lande verboten, und den Wunsch, in letzter Zeit besonders gut erforschte Gebiete zu meiden, fiel das Auge fast automatisch auf Siwa: eine isolierte Oase in interes­santer Lage in einem mir schon gut bekannten Land, über die einerseits so viel Literatur vorhanden war, daß Geschichte und Lebensgewohnheiten der Menschen für die Vergan­genheit gut rekonstruiert werden konnten, die jedoch wegen des schon 1979 mit Libyen bestehenden Konfliktes auch nur schwer für Besucher zugänglich war (Touristenmeidungsinteresse des Ethnologen!), ferner eine interessante Kultur, schließlich ist Siwa östlichster Ausläufer des berbersprachigen Siedlungsgebietes inmitten einer ara­bischsprachigen Bevölkerung - alles sprach für diese Oase in der Westlichen Wüste Ägyptens.

So wurde Siwa nicht mein einziges, aber mein erstes und später weiter verfolgtes For­schungsgebiet. Entsprechend ist dieser von mir für diese Ausgabe völlig neu bearbeitete Band zur Geschichte und Kultur der Oase Siwa das Ergebnis zahlreicher zum Teil aufrei­bender, in jedem Fall aber spannender Arbeitsaufenthalte vor Ort. Nach umfangreichen Literaturstudien unter anderem im Britischen Staatsarchiv (Public Record Office) in Lon­don hatte ich erstmals Gelegenheit, im Sommer und Herbst 1979 zusammen mit einer Ar­beitsgruppe der Gesamthochschule Kassel (Fachbereich „Internationale Agrarwirtschaft“) Feldforschungen in der Siwa-Oase durchzuführen. Die Untersuchungen waren vor allem der Landwirtschaft und der Bewässerung gewidmet, berücksichtigten jedoch auch ver­schiedene andere Aspekte des wirtschaftlichen Systems und der Gesellschaft von Siwa (vergl. Frank Bliss 1981; 2. Auflage 1984: Kulturwandel in der Oase Siwa (Ägypten)).

Im Mai 1981 bestand erneut die unverhoffte Möglichkeit, auf Empfehlung des damals amtierenden ägyptischen Parlamentspräsidenten und als Gast des Generalsekretärs des Gouvernorates von Marsa Matrû² trotz widriger politischer Entwicklungen im Verhältnis Ägyptens zu Libyen (z.T. offene Schießereien an der Grenze) die seit längerer Zeit für jegliche Besucher gesperrte Oase besuchen zu können. Die Feldarbeiten wurden teilweise unter strengen Sicherheitsbestimmungen durchgeführt. Aus diesem Grund konnten die eingeplanten sozialen Aspekte und andere, aus Sicht der Interviewpartner „kritische“ Fra­gen kaum behandelt werden, weswegen die Schwerpunkte der Forschung kurzerhand auf die materielle Kultur der Oase gerichtet wurden, vor allem auf die Architektur, die ver­schiedenen Handwerkszweige und den Schmuck (vergl. Bliss 1982a, 1983c, Bliss / Weißenberger 1983, 1984).

Indes ergab sich eine Gelegenheit, während dieser Zeit zusammen mit einer Gruppe von Vertretern der Azhar-Universität einen Abstecher zu der von Siwa noch einmal rund 140 km entfernten Oase al-Gâra zu unternehmen, die in vielerlei Hinsicht als Ableger von Siwa anzusehen ist, jedoch gerade bei handwerklichen Erzeugnissen eigene Formen her­ausgebracht hat. Zufällig fand während des Aufenthaltes in Siwa auch der mûlid (Geburtstagszeremonie) des Oasenheiligen Giddî ´Alî (Großvater ´A) statt, der von der heute nach mehreren Jahrhunderten des Wirkens fast ausgestorbenen religiösen sûfî-Bru­derschaft der ´Arûsiyya festlich begangen wurde. Aus diesem Anlaß wurden auch Aspekte des islamischen Volksglaubens in die Feldforschung und die anschließende Vergleichs­untersuchungen einbezogen (vergl. Bliss 1983c). 1985 und zuletzt 1996 konnten die In­formationen über den mûlid noch einmal bestätigt und ergänzt werden.

Ein kurzer dritter Aufenthalt in Siwa 1983 galt vor allem der 1979 kurz begonnenen Bear­beitung des vor allem von Stanley (1911) und Ahmed Fakhry (1973) erwähnten bzw. in kurzen Auszügen präsentierten „Siwa-Manuskriptes“, einer Sammlung von Texten über die Geschichte der Oase seit dem Mittelalter und zahlreiche ihrer Gebräuche einschließ­lich des traditionellen Gewohnheitsrechts (´urf). Diese neben dem berühmten Rechtsko­dex der Aït Zemmûr in Marokko (vergl. Marcy 1949) einzigartige Handschrift konnte un­ter Einschluß einer weiteren Aufnahme im Jahre 1985 unter Mithilfe eines Freundes da­mals zu mehr als einem Drittel auf Tonband aufgezeichnet und später publiziert werden (Bliss 1985a, 1985b und zuletzt 1996).

Da einige Kapitel des vorliegenden Buches in erheblichem Umfang auf dem Siwa-Manu­skript basieren, das hier zu rund einem Drittel wiedergegeben wird, seien einige Erläute­rungen zu dem berühmten Text eingefügt. Das Dokument wird erstmals in diesem Jahr­hundert erwähnt und zwar von Stanley (1911), gefolgt von Bates (1914) und dem briti­schen Verwaltungsbeamten Belgrave (1923). Auch Laoust hat den Text offensichtlich einsehen können (1931), jedoch ist es vor allem Ahmed Fakhry, der 1944 und später 1973 in seinen weit verbreiteten Büchern zur Bekanntheit des „Siwa-Manuskriptes“ beigetragen hat. Fakhry konnte den Text sogar einige Tage behalten und sich daraus Aufzeichnungen machen. Eine zusammenhängende Übertragung von annähernd 100 Seiten der ältesten Textstücke auf Band wurde jedoch offensichtlich erst von uns zwischen 1981 und 1985 vorgenommen. Seitdem soll der Text niemandem mehr vorgelegt worden sein.

Fakhry berichtet vom Entstehen des Textes, der Verfasser, Abû Musallim, habe in seiner Jugend an der Azhar-Universität in Kairo studiert und sei später religiöser Richter (muftî) in Siwa geworden. Dies war offensichtlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das Original seiner in dieser Zeit verfaßten Aufzeichnungen sei in den zwanziger Jahres dieses Jahrhunderts dem ägyptischen Prinzen Omar Toussoun geschenkt worden. Dieser hat es wahrscheinlich, wie wir inzwischen erfahren konnten, dem Handschriftenarchiv der ägyp­tischen Nationalbibliothek geschenkt, wo es seitdem aber als verschollen gilt. Ein Ver­such, in anderen Bibliotheken fündig zu werden wie z.B. dem Archiv des Islamischen Museums in Kairo blieb ebenfalls ergebnislos. Immerhin wird von einer Abschrift berich­tet, die vor 1920 noch vom Originaltext erstellt worden sei.

Der letzte, zwischenzeitlich verstorbene Besitzer des Manuskriptes liefert eine leicht ab­weichende Darstellung. Danach sei der Kernteil des Text von seinem Großvater (Abû Musallim) erst um die Jahrhundertwende zusammengetragen worden. Dabei habe er sich auf sehr viel ältere Texte gestützt, aber auch mündliche Überlieferungen aufgenommen. Woher die vom Großvater aufgezeichneten älteren Quellen stammten und wann sie ent­standen seien, wisse er nicht. Aus Dâkhla sind uns jedoch einige Urkunden aus dem 17. Jahrhundert bekannt, so daß auch für Siwa ein Alter von 200 - 350 Jahren nicht ausge­schlossen werden kann. Da die Zeit zwischen Mitte des 17. Jahrhunderts und dem Jahre 1820 im „Siwa-Manuskript“ besonders gut dokumentiert ist, könnten die ersten Vorläufer­texte durchaus in das späte 17. Jahrhundert datiert werden. Der Vater des letzten Besitzers hat das Dokument zuletzt noch ergänzt. Der Zeitpunkt der Abfassung reicht damit etwa von 1900 bis zum Jahre 1936. Nach dieser Zeit seien einige weitere Informationen von ihm selbst angefügt worden, wurde uns 1981 erzählt.

Fakhry berichtet (1973), daß man ihm bei seinem letzten Besuch in der Oase erzählt habe, die oben erwähnte Kopie des Manuskripts sei vom Militärgouverneur eingezogen worden. Er selbst vermute jedoch, daß Scheich Musallim die Aufzeichnungen lediglich nicht je­dem Besucher zeigen wolle (1973: 39f), was von uns nur bestätigt werden konnte. Aller­dings erfuhren wir vom Besitzer des Manuskripts auch, daß sich die „Regierung“ erheb­lich für das Dokument interessiere und sich bemühe, den Text in die Hände zu bekom­men. 1981 berichtete uns ein Mitarbeiter der Gouvernoratsverwaltung sogar, man habe kürzlich einen Text „ausgeliehen“ bekommen und werde ihn in das Archiv des Gouverno­rates einstellen.

Insgesamt herrscht also um das „Siwa-Manuskript“ ein erhebliches Verwirrspiel. Sicher ist, daß es mehrere Kopien des Textes gab und zumindest eine einheitliche Variante des Textes noch 1979 bis 1985 in Siwa existierte. Ob alle erwähnten Autoren immer den sel­ben Text in der Hand hatten, mag jedoch bezweifelt werden. Ebenfalls kann bestätigt wer­den, daß die Existenz des Manuskriptes bei der Verwaltung erhebliche Beunruhigung aus­gelöst hat und man den Text in der Tat einziehen wollte, weil hier die ethnische Verschie­denheit der Siwaner, vor allem aber die kulturelle Identität in Abgrenzung von „Ägypten“ wiederholt aufgegriffen wurde und die Einverleibung Siwas in den ägyptischen Staatsver­band als Verrat und ein schreckliches Ereignis bewertet wird (vergl. Kapitel 3)

Der vierte Aufenthalt in Siwa erfolgte 1985, um letzte Hand an dieses „Siwa-Manuskript“ legen zu können und damit die politische Geschichte des 17. bis 19. Jahrhunderts abzu­decken, die - bisher nur aus Sekundärquellen bestätigt - durch heftige Auseinandersetzun­gen zwischen den einzelnen Siwaner Familienverbänden geprägt ist, die letztendlich 1820 zur ägyptischen Eroberung der Oase führten (vergl. Omar Toussoun 1942). Noch heute besteht ein gewisser Antagonismus in Siwa zwischen den „östlichen“ und „westlichen“ Familienverbänden fort, der erst in jüngster Zeit durch einige Heiraten zwischen beiden Fraktionen überbrückt werden konnte. Und immer noch existiert in Erinnerung an die ge­walttätige Eroberung vor 175 Jahren unterschwellig ein Bewußtsein in Siwa, das die Oasenbevölkerung im Gegensatz zu den „Ägyptern“ sieht und eine eigene kulturelle Identität reklamiert.

Schrieb ich in der Ausgabe von 1981 noch im Vorwort, zwischen 1979 und 1981 sei die vom ägyptischen Staat „vorangebrachte“ Oasenentwicklung ohne grundlegende Auswir­kungen auf die Menschen geblieben, so hat die langsame Öffnung der Oase seit 1982 nach Abflauen des Konfliktes mit Libyen doch erhebliche Veränderungen mit sich gebracht. Sicher, Schule, Gesundheitsfürsorge oder Genossenschaften haben in den ersten Jahren nach 1981 nichts Grundlegendes am Bewußtsein der Siwaner ändern können, obwohl die Kinder im Unterricht - wo ausschließlich Arabisch gelehrt und das eigene sîwî verboten ist - systematisch ihrer Muttersprache entfremdet werden. Auch das immer wieder bekundete Interesse, den Lebensabend in der „Heimat Siwa“ verbringen zu wollen, wurde zumindest bei meinen nächsten Besuchen immer wieder ausdrücklich hervorgehoben.

Jedoch haben die erleichterten, seit einigen Jahren nahezu freien Zugangsbedingungen nach Siwa ihre unübersehbaren Folgen, die sich nicht allein auf den Ausverkauf des tradi­tionellen, teilweise nicht mehr fortgeführten Kunsthandwerks beschränken, das teilweise wie der Schmuck vom Hals der Mädchen weggekauft wurde. 1985 war das „Jahr des Fernsehens“, indem die letzten Relaisstationen zwischen Marsa Matrûh und der Oase errichtet worden waren und das staatlich kontrollierte Fernsehen „Kairener Mittelstands­zenen“ am laufenden Bande serviert. Seitdem bemüht sich die ägyptische Regierung auch um die Fortsetzung bzw. Neuauflage eines bereits in den sechziger Jahren einmal kläglich gescheiterten Neulandprogrammes (vergl. Bliss 1989a), wobei es nun aber um die Neu­landentwicklung für die Siwaner Bevölkerung geht, und nicht um einen erneuten Versuch der Ägyptisierung der Oase durch die massenhafte Ansiedlung von Bauern (fellakhîn) aus dem Niltal.

Auch der Tourismus wird als Mittel gesehen, Siwa in die ägyptische Normalität hineinzu­holen. Schon gibt es mehrere Hotels, und gerade Rucksacktouristen, denen kein Refugium heilig ist und deren Interesse am Leben „mit“ den Menschen andernorts schon manchen Armen das letzte Huhn gekostet hat, strömen in Mengen in die Oase. Daß sich am Ende, wenn es keine „typische“ Siwaner Kultur mehr geben wird, der die Besucher erst hierher­führt, auch der Tourismus überlebt haben dürfte, spielt dabei keine Rolle. Schon heute beklagen sich ausländische Besucher über den zunehmenden Müll, der überall und vor allem in den bislang „traumhaften“ Gärten herumliegt, besonders die vielen unverrottba­ren Plastikflaschen für Mineralwasser, jedoch sind es gerade diese Besucher, die diesen Müll hinterlassen.

Der Leser dieses Buches muß sich in jedem Fall schon heute vergegenwärtigen, daß zahlreiche der im Text beschriebenen Phänomene aus Siwa in der hier angeführten Form zwar weiter bestehen, so die Kultur der Datteln und Oliven, daß aber andere Dinge wie der außergewöhnliche Silberschmuck, die Salztonarchitektur der alten Stadt Shâlî, das Leben der zaggâla (Landarbeiter“kaste“ aus unverheiraten Männern) oder das uneigen­nützige Gastrecht immer mehr ausgehöhlt werden bis zu ihrem völligen Verschwinden. Meine 1979 und 1981 geäußerte Hoffnung, daß Siwa gerade wegen der absolut lebensfä­higen regionalen Ökonomie (wohingegen Ägypten insgesamt unter schwierigsten Bedin­gungen zu leiden hatte) weitgehend unangetastet bleiben könnte, hat sich in diesem Sinne leider nicht erfüllt, letztendlich zum Schaden aller Betroffenen.

Um nicht völlig an den heutigen Realitäten vorbeizuschreiben, habe ich Siwa im Oktober 1996 noch ein fünftes Mal besucht. Die Reise galt vor allem der Überprüfung der wesent­lichen Aussagen über die in meiner bisherigen Siwa-Forschung dominierenden „Gegenwart“ der Zeit zwischen 1979 und 1985. Ergebnis dieser Reise ist neben der Ak­tualisierung und Ergänzung verschiedener Zahlenreihen und Detailinformationen unter anderem das letzte Kapitel, in dem ich die neuere Entwicklung der Oase zusammenfasse, vor allem die in Durchführung befindlichen Neulandvorhaben der Regierung, und auf den 1997 - 1981 noch nicht existenten Tourismus eingehe.

Methodisch basiert die Forschungsarbeit über Siwa zunächst auf einer Bearbeitung der schriftlichen Quellen, die mit Herodot und dem Zug des Perserkönigs Cambyses begin­nen. Es folgen einige Erwähnungen der Oase im Zusammenhang mit dem Zug Alexanders des Großen nach Siwa, wo sich der Makedone vom Orakel wunschgemäß als legitimer Herrscher Ägyptens bestätigen ließ, wenige Hinweise aus römischer bzw. byzantinischer Zeit und wieder verstärkt solche seit dem Mittelalter. In dieser Zeit berichteten zunächst nur islamische Autoren über Siwa, bevor die Oase im 17. Jahrhundert dann von europäi­schen Autoren quasi „wiederentdeckt“ wurde. Da die Kontakte zur Oase irgendwann abgerissen sein müssen, sind die mittelalterlichen Quellen entweder sagenhaft oder sie geben Informationen aus älterer Zeit wieder.

Mit Sebastian Münsters „Cosmographey“ setzt um 1550 die europäische Berichterstat­tung ein, wobei unklar bleibt, ob sich der bekannte Weltchronist überhaupt auf zeitgenös­sische Quellen stützen konnte. Der erste europäische Reisende der Neuzeit, der aus eige­ner Anschauung berichten konnte, war in jedem Fall erst der Engländer Brown(e), der 1792 die Oase kurz besuchte. Mit diesem Jahr beginnt die Beschreibung der konkreten Verhältnisse in Siwa, der wirtschaftlichen Grundlagen, der Gesellschaft, der materiellen Kultur. Neben den klassischen Forschungsreisenden, die bei W. G. Browne und Friedrich Hornemann anfangen und mit Gerhard Rohlfs und vielleicht noch Ewald Falls abschlie­ßen, waren es ab der Jahrhundertwende dann vor allem britische Weltenbummler wie der anfangs zitierte Maugham, die irgendwie nach Siwa gelangten und bewegt von der „seltsamen“ Kultur teilweise sehr detailbewußte Bücher ablieferten. Oder es waren Kolo­nialbeamte wie der Engländer Belgrave, die ihre Zeit in Siwa zu umfangreichen Gesell­schaftsstudien nutzten und Bücher bzw. Artikel von einigem wissenschaftlichen Wert publizierten.

Manche Veröffentlichungen solcher „Amateure“, zu denen sicher auch Vertreter anderer wissenschaftlicher Disziplinen zu zählen sind, die fasziniert von den Oasenbewohnern sich in Teilen ihrer Arbeiten in die Ethnologie verirrten (z.B. Martin Rikli), sind zweifels­ohne von größerem Wert als viele regierungsoffizielle ägyptische Quellen dieses Jahrhun­derts, vor allem seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die hier enthaltenen Fehler vor allem bei statistischen Angaben sind teilweise haarsträubend, weichen die Daten z.B. des Zensus aus dem Jahre 1979 für die Ortschaft Bahiyyaldîn im Westen der Siwa-Depression um stolze 100% von den vor Ort erhobenen Bevölkerungsdaten ab.

In der Verwaltungsarbeit wurden und werden diese nachlässig erhobenen Zahlen (ein Oasenbewohner teilte mir mit, der Zensus sei zustande gekommen, indem ein Datenerhe­ber den Scheich eines Dorfes nach seinen Leuten befragt habe, nicht aber von Gehöft zu Gehöft gegangen sei) dennoch bedenkenlos verwendet. Angaben der Landwirtschaftsver­waltung zu durchschnittlichen Ernteerträgen der Olivenbäume in Höhe von sieben Tonnen pro Baum sind dann allerdings keine Nachlässigkeit mehr, sondern zeigen, daß die früher sämtlich aus dem Niltal stammenden „Experten“ dieser Behörde noch nie mit offenen Augen eine Olivenkultur betreten haben und von ihren Aufgaben überhaupt keine Vorstel­lung haben. Leider stützen sich sogar einige neuere Forschungsarbeiten über Siwa auf diese ungeprüften Zahlen, bei denen es nur wundert, daß die alte Legende von einem Orangenbaum in der Oase, der „zehntausend Früchte“ getragen habe, nicht auch noch in die Produktionsstatistik eingegangen ist.

Die völlig unzuverlässigen Zahlen machten umfassende Befragungen zum Beispiel bei Siwaner Bauern über deren Produktionsdaten unumgänglich, die sich, vor Ort etwa bei der Olivenernte überprüft, fast immer als erstaunlich präzise erwiesen. Wenn der ausländische Forscher überzeugender noch als zumeist ein einheimischer nachweisen kann, daß er mit der ägyptischen Steuerverwaltung oder anderen unbeliebten Ämtern (zum Beispiel den früheren staatlichen Zwangsgenossenschaften) nichts zu tun hat, werden ihm in bemer­kenswert offener Weise auch Produktionsinterna preisgegeben.

Diese Beobachtung aus Siwa galt später auch in den anderen Oasen mit anfänglich einer Ausnahme: in Bahriya hatte kurz vor meiner Feldforschung im Januar 1981 ein ägypti­scher Journalist mit freundlichem Einstieg das Vertrauen der Menschen erworben und danach in der bekannten Tageszeitung „Akhbar al-Yôm“ einen recht undankbaren, aus der Sicht der Leute sogar schimpflichen Artikel über die „primitiven Wüstenbewohner“ ver­öffentlicht. Der Zorn der Oasenleute richtete sich daraufhin zunächst einmal gegen alle Fremden. Hier dauerte es einige Tage, bis sich wieder Gesprächspartner für den deutschen Ethnologen fanden. Einer der wichtigsten Scheichs verweigerte sich indes monatelang ganz. Folglich legt ein auswärtiger Beobachter mehr oder weniger den Grundstein für den anderen. Dies ist übrigens auch und gerade bei den nicht-wissenschaftlichen Oasenbesu­chern ein Grund zum Nachdenken: wer nach Siwa oder in die anderen Oasen kommt und die dort sehr niedrige Moralschwelle übertritt, wird schnell „alle Europäer“ zumindest eine Zeitlang als unmoralisch, unverschämt oder schlichtweg gedankenlos bloßstellen. Wer als Frau immer noch in der islamischen Welt kurzärmelig und mit enger Bluse durch die Oase geht, gehört ganz bestimmt in diese Kategorie unfreundlicher Besucher, wohin­gegen in kurze Hosen gekleidete europäische Männer zunächst noch als interessante „Paradiesvögel“ durchgehen mögen.

Kehren wir jedoch noch einmal kurz zu den Methoden und Rahmenbedingungen der Feldforschung zurück. Noch vor den schriftlichen Daten waren natürlich vor allem die Gespräche (mehr oder weniger offene Befragungen) mit den Oasenbewohnern eine wich­tige Informationsquelle. Wie oben erwähnt, bezog sich dies jedoch allein auf Männer und Kinder. Da Mädchen noch um 1980 schon oft mit 13 oder 14 Jahren heirateten (und mit 14 oder 15 auch noch heute), bedeutete dies auch, daß neben den Frauen sogar weibliche Jugendliche bzw. Kinder nicht mehr für Gespräche zur Verfügung standen. Der geschil­derte Ersatz durch indirekte Befragungen mußte zwangsläufig unbefriedigend bleiben und dürfte auch in diesem Buch zu erheblichen Lücken führen.

Glück hatte ich jedoch mit einigen Schlüsselpersonen der Siwaner Gesellschaft, indem ich 1979 schon nach wenigen Tagen die Bekanntschaft des erwähnten hâgg Sinûsî Raga’ machen konnte und auch von der Familie des wenig später verstorbenen Scheichs ²âgg ´Ali Hêdar freundlich aufgenommen wurde. Hâgg Sinûsî und ´Ali Hêdar bzw. einer seiner Söhne führten mich wiederum in die Familien nahezu aller Scheichs der Stadt Siwa ein und vermittelten zahlreiche weitere Bekanntschaften. 1981 kam zu diesen Schlüsselperso­nen ein weiteres Oberhaupt einer religiösen Bruderschaft dazu sowie der Vertreter der wichtigsten arabischen qabîla Siwas (der Shuhaîbât, eine Untergruppe der Aûlâd ´Alî Beduinen). Die „einfache“ Bevölkerung blieb keineswegs ausgespart, indem sich in den Gärten, in den Werkstätten, auf dem Markt (sûq) und seinen Läden oder in den Gassen der Altstadt immer wieder kurze und längere Gespräche anbahnten, die nicht selten bei einem Glas Tee oder gar einem guten Essen endeten.

Eine weitere Informationsquelle war in Siwa die (teilnehmende) Beobachtung, die als eine der wichtigsten Erkenntnisquellen der Ethnologie gilt, allerdings nicht, wie so oft gesche­hen, überbewertet werden sollte. Natürlich beeinflußt der teilnehmende beobachtende For­scher die meisten Situationen allein durch seine Anwesenheit und wird schnell zu falschen Annahmen verleitet. Darüber hinaus kann er viele Dinge eben nicht beobachten, weil sie sich Fremden entziehen. Nicht zu vernachlässigen ist die fotografische Aufnahme, die dazu beiträgt, über längere Zeiträume erfolgende Veränderungen zu dokumentieren. Auch im Nachhinein lassen sich Unterschiede vor allem zu den Aufnahmen in der Literatur aus vergangenen Jahrzehnten feststellen (vergl. Abb.2 und 3). Weitere Techniken wie das Vermessen von Gebäuden, Tonbandaufnahmen von Musik und Gesang oder die Leitfä­higkeitsmessung von Wasser in Siwaner Brunnen, die bei einer Reise von Kollegen durchgeführt wurde, ergänzten das ethnologische Methodenset.

Fehler schleichen sich natürlich in jede Forschungsarbeit ein. Um den Gast nicht zu ent­täuschen, mag ihm das eine oder andere Mal eine Tradition bestätigt werden, die vielleicht gar nicht (mehr) vorkommt, oder es werden Dinge extra für ihn inszeniert, die es seit Jahr­zehnten im Alltag überhaupt nicht mehr gibt.

Verwirrend wird es dann, wenn bekannte Autoren selbst als Quelle für kulturelle Phäno­mene genannt werden und der Feldforscher auf seine Frage die folgende Antwort von einem Siwaner erhält: „Wir wissen es nicht, aber XYZ hat geschrieben, daß in Siwa...“. Mögen die Fehler, die in diesem Buch zwangsläufig enthalten sind, nicht nach Siwa kol­portiert und auf diese Weise zu kultureller „Realität“ werden!

Wenn - selbst bei professionellstem ethnologischem Methodeneinsatz - nicht jedes Detail der Siwaner Kultur erfahren wurde, so liegt das in der Natur der Sache. Kultur ist be­kanntlich zu komplex, um sie auch nur im Hinblick auf einzelne Phänomene erschöpfend wiederzugeben. Im übrigen muß der fremde Ethnologe auch nicht alles aus der Privat­sphäre der Siwaner wissen, und auch seinen Lesern sei eine Grenze dort gesetzt, wo pri­vate Rücksichtnahmen dies erfordern.

Forschen in Siwa gestaltete sich 1979 und 1981 natürlich auch aus anderen Gründen nicht leicht. Siwa war wegen des Konfliktes zwischen Ägypten und Libyen militärisches Sperr­gebiet. Zeitweise waren in der kleinen Oase über 20.000 Soldaten stationiert, und da unter Objekte militärischer Geheimhaltung im damaligen Ägypten bereits einfache Brücken über Bewässerungskanäle, Staudämme und sogar Provinzbahnhöfe und Postämter fielen, kann sich der Leser leicht vorstellen, daß das Quartier einer kompletten Panzerdivision tatsächlich vor Besuchern verborgen werden sollte. So hatten wir im September 1979 nach verzweifelten Bemühungen unserer ägyptischen Kollegen zwar eine Genehmigung, um nach Siwa zu reisen, aber keine Erlaubnis, unseren VW-Bus dafür zu benutzen. Da die ägyptische Gastfreundschaft aber Berge versetzen kann, war es eine Selbstverständlich­keit, daß auch dieses nachgeordnete Problem gelöst wurde. Der Gouverneur stellte uns einen Krankenwagen aus Marsa Matrûh zur Verfügung, und so fuhren wir mit verhängten Gardinen nachts mit einem Fordbus durch die militärischen Anlagen vor Siwa hindurch.

Gegen unsere Erwartung mußten wir dann in Siwa auch nicht wie seinerzeit Gerhard Rohlfs unsere Zelte aufschlagen, sondern erhielten vom maglis (Stadtrat) eine komfortable Dreizimmerwohnung mit Küche und Dusche, von denen es damals in der ganzen Stadt nur ein Dutzend gab, für die gesamte Dauer unseres Aufenthaltes kostenlos zur Verfügung gestellt. Frühstück gab es luxuriös im ersten und einzigen „Restaurant“ der Oase, dessen Besitzer vor allem auf die Armeeoffiziere und die wohlhabenderen der ägyptischen Verwaltungsbeamten spezialisiert war und neben den ägyptischen Frühstücksbohnen (fûl) für seine neugewonnenen Stammkunden auch Marmelade, Schafskäse, Oliven, Omelette und zuweilen sogar Rinderschinken bereithielt. Brot zu kaufen erwies sich als schwieriger, da der erste öffentliche Ofen (furn) der Stadt Siwa erst kurz zuvor aufgemacht hatte und an manchen Tagen mangels Bedarf überhaupt nicht gebacken wurde. In diesem Fall halfen Siwaner Bekannte aus, sofern man uns überhaupt die Selbstverpflegung gestattete und nicht zum Essen einlud.

1981 hatte der Konflikt mit Libyen seinen Höhepunkt bereits überschritten, jedoch war es noch schwieriger, ein tasrîh, die Bewilligung zur Reise nach Siwa zu erhalten. Als wir nach zwei Wochen Wartezeit das begehrte Papier in den Händen hatten, fiel es nieman­dem ein zu fragen, ob das Auto dieses Mal benutzt werden dürfte. Als wir nachts um kurz vor vier Uhr den wachhabenden Offizier am Checkpoint hinter Matrûh aufweckten und um Durchlaß baten, wunderte sich dieser zwar über das tasrîh, das in jenem Jahr noch nie ausgestellt worden war, ließ uns aber anstandslos passieren. Nach einem üblen Sandsturm nach 12 Stunden Fahrt auf schlechter Piste in Siwa angekommen, war der vom Gouver­neur informierte Polizeichef von Siwa heilfroh, uns überhaupt empfangen zu können. Erst am nächsten Tag, als wir bereits erste Erkundungen gemacht hatten, fiel einer anderen Dienststelle auf, daß wir mit unserem eigenen Auto, einem VW-Kübelwagen, in Siwa herumfuhren. Aber auch die helle Aufregung über ein Auto, das überhaupt nicht nach Siwa durfte, legte sich in kürzester Zeit, und wir durften zusammen mit einem Begleiter jeden Punkt der Oase im eigenen Wagen aufsuchen.

Diese Begleitung hatte übrigens später auch einen Vorteil. Erstens war der VW für fünf oder sechs Leute einfach zu klein, und zweitens blieb das nicht mit Allradantrieb ausge­stattete Auto in jedem Sandhaufen stecken und mußte erst mühsam wieder flott gemacht werden. Offensichtlich beklagte sich unser Begleiter bei seinem Polizeichef über diese äußerst ermüdende Situation, denn als wir eingeladen wurden, die 140 km entfernte Oase al-Gâra zu besuchen, hatte die Polizei solche Bedenken, uns mit dem eigenen Auto fahren zu lassen, daß uns ein voll aufgetankter Wagen der Verwaltung für die völkerkundliche Exkursion zur Verfügung gestellt wurde. Auch dieses Mal wurde uns während des Auf­enthaltes in Siwa vollste Gastfreundschaft gewährt, indem wir wieder in die komfortable Wohnung mit fließendem Wasser einziehen konnten. Besser als das letzte Mal ausgestat­tet, konnten wir uns hier mit Hilfe eines chinesischen Kerosinkochers auch selbst versor­gen, sofern wir dies ausnahmsweise „durften“.

Die letzte Reise im Jahre 1996 erwies sich im Vergleich mit jenen 1979 und 1981 fast als langweilig. Eine sehr gute Asphaltstraße führt auch bei Sandsturm in vier Stunden ohne Gefahr in die Oase. Genehmigungen gehören der Vergangenheit an, und je nach Laune der Polizeikontrollen ist nicht einmal mehr der Paß zu zeigen. Ein freundliches Wort, und weiter geht die Reise. In Siwa angekommen, fällt die Wahl der Unterkunft allerdings deutlich schwerer als zuvor. Gleich zwischen sieben oder acht Hotels muß sich der Besu­cher entscheiden, und wer die fûl-Bude der frühen achtziger Jahre sucht, hat die Auswahl zwischen gleich einem halben Dutzend, die neben Grillhähnchen und ägyptischen Gerich­ten auch chinesische und italienische Küche anbieten. Im Zweifelsfall fährt man vom Hotel mit einem gemieteten Fahrrad (ein halbes Dutzend Verleihläden) zum Essen und läßt sich anschließend mit einem Mietwagen für allerdings teures Geld irgendwohin in die Wüste chauffieren.

Während Reisende, die zum ersten Mal in Alexandria mit ihrem Auto in den Verkehr ge­raten, dabei mit großer Wahrscheinlichkeit den Schock ihres Lebens bekommen, erwartet den Ethnologe heute in Siwa spätestens dann der Kulturschock, wenn er zwischen den Häusern von Alt-Siwa Touristenpärchen begegnet, die von völliger Nacktheit nur haut­enge Shorts und Tops oder ein Fahrradbody trennt. Vielleicht kommen die Siwaner bei Hunderten dieser Besucher in jedem Jahr eher über den Schock hinweg als der Ethnologe, der Siwa noch aus den siebziger Jahren kennt.



[1] Bei der Umschrift aus dem Arabischen wurde in dieser Arbeit wie folgt verfahren: Begriffe aus dem Hocharabischen und sîwî wurden weitgehend nach den Regeln der Deutschen Morgenländischen Gesell­schaft (DMG) bearbeitet mit einigen Ausnahmen: die drei arabischen Buchstaben ذ, ظ und ? werden gleichermaßen als th geschrieben, selbst wenn sie in Siwa nur als bloßes t ausgesprochen werden. Aufgrund des Zusammentreffens verschiedener arabischer Dialekte in der Westlichen Wüste Ägyptens wird es bei der Wiedergabe des Gim schwierig. Im Niltal und von den Ägyptern in Siwa wird dieser Buchstabe als g ausgesprochen, wohingeen die Aûlâd ´Alî Beduinen ihn als dj bzw. dsch aussprechen. Die Siwaner, deren eigene Sprache vormals nicht in arabischer Schrift wiedergegeben wurde, verwenden ihn teils als g, teils als dsch. Auch im Deutschen gebräuchliche Wörter wie Scheich, Koran, Ramadan oder wiederholt verwendete Ortsnamen wie Siwa oder Kairo werden in der hier üblichen Form wiedergegeben. Einige häufig vorkommenden Begriffe wie qabîla (Klan, „Sippe“) wurden der Einfachheit halber je nach dem Kontext auch eingedeutscht, also zu Qabile oder Qabilen. Wenn diese Begriffe in Zitaten vorkommen, kann es aufgrund der zahllosen Varianten in der Literatur zu erheblichen Abweichungen kommen. Termini aus dem berberischen sîwî oder modifizierte arabische Wörter wurden so transkribiert, daß sie der in Siwa üblichen Aussprache möglichst nahekommen (mu’aththin = moeddin, maîdân = mîdân usw.). Allerdings ist festzuhalten, daß es für die in Siwa gesprochene berberische Sprache keine eigene Schrift gibt. Da für sie das Arabische verwendet wird, sind unterschiedliche Varianten in der Schreibweise fast die Regel. Als Tribut an den Zeichensatz des Computers wurden generell die arabischen langen Vokale a, i und u resp. in der Volkssprache auch e und o als â,ê, î,ô und û geschrieben.